Der Freilandaufenthalt für Schildkröten ist die natürlichste und artgerechteste Haltung. Der Bau eines Freigeheges muss gut geplant und vorbereitet werden. Hierzu gehört die Auswahl des richtigen Standortes, eine entsprechende Größe, Einfriedung sowie Unterkunft, technische Aus- stattung und natürlich die Bepflanzung. Hierzu ist ein erheblicher Zeit- und Kostenaufwand notwendig.



Standort
Für unsere Schildkröten ist stets der sonnigste Standort im Garten zu wählen. Die Fläche muss südlich ausgerichtet und möglichst windgeschützt sowie in ruhiger Lage ausgewählt werden. Ein Standort unmittelbar an einer stark befahrenen Straße ist ungeeignet. Ebenso muss sichergestellt sein, dass keine weiteren Haustiere (z. B. Hund) Zutritt zum Gehege haben. Der Boden muss natürlich frei von Chemikalien (Herbizide/Pestizide, Dünger etc.) sein. Gut eignen sich hierzu Brachland oder eine verwilderte Garten- oder Rasenfläche. Je nach Haltung der Schildkrötenart, sollte der Bodengrund dem natürlichen Habitat nahe kommen. Dennoch ist zu erwähnen, egal mit welchem Aufwand ein Freigehege geplant und gebaut wird, in unseren Breitengraden wird ein 100 % natürliches Habitat nie nachgestaltet werden können. Man kann sich die Natur nur als Vorbild nehmen und den Lebensraum annähernd danach gestalten. Eine optimale Bodengestaltung wird in dem Buch "Natürliche Haltung und Zucht der Griechischen Landschildkröte" von Wolfgang Wegehaupt beschrieben. Wenn man die Bodenqualität bestmöglich der Natur nachempfinden möchte, muss diese kalkhaltig sein. Solche Bodenbeschaffenheiten wird man bei uns nicht vorfinden, daher bleibt nur ein aufwendiges Anreichern mit Kalk (Dolomitkalk, Kalksteinbruch, Steinmehl, Muschelgrit). Giftige Pflanzen sind grundlegend vorher zu entfernen.



Eine Testudo hermanni im natürlichen Habitat auf Mallorca, roter Boden und viele Steine...



Größe
Die Größe ist natürlich in erster Linie von den eigenen Gegebenheiten vor Ort abhängig. Dennoch ist sie so zu wählen, dass die Mindestanforderungen (8-fache Länge der größten Schildkröte und die Hälfte der Gesamtlänge, ab dem dritten Tier 10 % und ab dem fünften Tier sogar zzgl. 20 % Flächen- zuwachs) nicht unterschritten werden, die allerdings viel zu gering bemessen sind.

Im natürlichen Lebensraum bewegen sich die Tiere auf mehreren hundert m². Dies sind allerdings Traumgrößen, die wohl kaum ein Halter erfüllen kann. Daher ist es nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, den Tieren so viel Platz wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dies ist besonders wichtig, wenn subadulte und/oder adulte Tiere zusammenleben. Gerade in der Paarungszeit müssen die Tiere die Möglichkeit haben, sich aus dem Weg zu gehen oder sich zurückziehen können, um ernsthafte Verletzungen zu vermeiden. Notfalls müssen das/die Männchen von den Weibchen getrennt werden. Jedoch benötigen beide ihren eigenen Freiraum.


Teil meines Thb-Geheges, alte Rasenfläche mit diversen Pflanzen und Steinen.


Desweiteren macht es wenig Sinn, ein beispielweise 50 m² großes Freigehege für 1-jährige Schildkröten zu bauen. Auf dieser Fläche würden sich die Tiere regelrecht verirren. Gerade Jungtiere leben in den ersten Jahren auf nur wenigen m² und das sehr versteckt. Die Fläche sollte also dem Alter und der Größe der Schildkröten entsprechen und mit zunehmenden Alter „mitwachsen“. Für Schlüpflinge reichen demnach 2-3 m² vollkommen aus. Außerdem ist zu bedenken, dass bis zu einem Gewicht von ungefähr 500 g eine Abdeckung (Drahtgitter, Vogelnetz) notwendig ist, damit die jungen Schildkröten nicht etwa Vögeln, Nagern oder Katzen zum Opfer fallen.

Meine Testudo h. hermanni bewohnen momentan eine Freifläche mit Frühbeet von ca. 10-12 m², die jeder Zeit erweitert werden kann. Das gesamte Gehege ist mit einem Drahtgitter (1x1 cm Maschenabstand) von oben gesichert. Meine subadulten und adulten Testudo h. boettgerie haben bereits ein Gelände von ca. 45 m², welches in 2010 auf über 60 m² erweitert wurde. Und meine noch kleineren Testudo marginata leben in einem 4 m² Jungtiergehege, welches bis auf 15  m² erweitert werden kann.



Einfriedung
Unter einer Einfriedung versteht man eine ober- und unterirdische Begrenzung. Die Begrenzung über dem Erdreich dient dazu, damit die Tiere nicht ausbrechen können. Sie muss mindestens der doppelten, besser der dreifachen Panzerhöhe des größten Tiers entsprechen. Hier haben sich Materialien bewährt, die selbstverständlich ungiftig, nicht transparent und nicht zu stumpf sind. Ich benutze momentan einfache, naturbelassene Holzbretter mit Nut, da immer noch mit Verände- rungen und Erweiterungen zu rechnen ist. Holz hat allerdings den Nachteil, dass es schnell fault, brüchig wird und sehr unflexibel ist. Spätestens nach ca. 5 Jahren ist es zu ersetzen und auch zwischendurch muss regelmäßig kontrolliert werden. Um ein Überklettern dieser Begrenzung unmöglich zu machen, befestigen viele Halter noch einen Überstand (Halbrund-Latte, breite Leisten oder einfache Holz- bretter) auf das letzte Begrenzungselement. Eine gute Einfriedung schützt die Tiere vor Ausbruch, paßt sich dem Umfeld und der Natur an, ist stabil und witterungsbeständig, wird von den Tieren als Barriere erkannt und akzeptiert, aber nicht als störend empfunden.



Einfriedung aus Holz und noch karger Bewuchs im Frühjahr. Im Erdreich sind Aluminiumplatten eingelassen.



"In flagranti" erwischt: Paul ist auf die Steinhöhle geklettert und "hängt" im Zaun fest. Die "einladende" Steintreppe wurde sofort umgebaut, damit dies nicht mehr passiert.


Die beste und natürlichste Einfriedung verläuft bogenförmig, weich und ohne Ecken. Die Schildkröten akzeptieren diese besser als „kastenförmige“ Begrenzungen. Denn in der Natur stoßen sie auch auf Hindernisse wie große Steine, Geröll oder Felsen, aber nie auf eine wirkliche „Wand“. Dies ist jedoch nur mit Materialien zu verwirklichen (Natursteine, Mauerblöcke usw.), die sich so anordnen lassen und dem Ganzen gleichzeitig ein natürliches Aussehen verleihen. Starre Materialien wie Holz sind hierfür nicht geeignet. Dies bleibt jedoch die Entscheidung des Halters.

Empfehlenswerte Materialien:
• Holz (Bretter, Platten, Balken, Pfosten, Sichtschutzelemente usw.)
• Natursteine, Terrakotta, Klinker (z. B. Lusit Spaltino-Serie)
• Mauersteine, Mauerblocksteine
• Pflanzsteine (bedingt)
• sämtliche Pflastersteine, die stapelbar sind
• Betonmauer
• Aluminiumplatten
• PVC-Steckplatten (Hochbeet mit Steckmechanismus)
• Steinpalisaden


Völlig ungeeignete Materialien sind Glasscheiben, Plexiglas, ölgetränkte Balken, Maschendraht und Zaunfelder, um nur einige zu nennen.


Die Begrenzung im Erdreich ist notwendig, damit auch bei dem Versuch diese zu unterbuddeln keine Möglichkeit der Flucht oder des Entlaufens besteht. Ich verwende alte Aluminiumplatten (30 cm tief) bzw. Rasenkantensteine, die mindestens 25 cm tief in das Erdreich ragen. Andere Halter empfehlen mindestens eine Einfriedung im Erdreich von 30-50 cm. Ich konnte jedoch bis jetzt keine Ausbruchver- suche beobachten. Hier ist ein Material zu wählen, welches nicht verwittert. Berichtet wurde auch, dass einige Halter keine Einfriedung im Erdreich versenken, sondern direkt an der oberirdischen Begrenzung einfach Stein-Schutt und Steine einbuddeln, welches das Untergraben erheblich erschwert. Andere legen einfach Platten oder Fliesen ein paar cm unter das Erdreich, welches den gleichen Effekt hat. Bei einem möglichen Ausbruchversuch, wird die Schildkröte immer versuchen an einer Begrenzung oder in einer Ecke zu graben.

 

Einfriedung aus Alu, Rasenkante oder Beton etc.          Einfriedung aus Steinzeug und Geröll etc.


  

Einfriedung aus Platten, Fliesen oder Rasenkanten, einfach im Erdreich an der Begrenzung eingelegt.


Empfehlenswerte Materialien:
• Aluminium- und PVC-Platten
• Rasenkantensteine
• Steine diverser Art und Größe
• diverse Platten, Fliesen, Bruch oder Schutt (ausschließlich Steinzeug)
• Betonsockel

• PVC-Noppenfolie



Unterkunft
Damit unseren Tieren auch in der Übergangszeit, an kälteren und regenreichen Tagen sowie nachts Schutz und Wärme geboten wird, benötigen diese eine Unterkunft. Dabei muss wieder die Größe der Tiere berücksichtigt werden. Hier haben sich Frühbeete, Gewächshäuser und Wintergärten bewährt. Die Auswahl ist groß, aber nicht immer als Schildkrötenunterkunft geeignet. Daher muss beim Kauf eines Frühbeetes auf gute Isolierung, Aluminiumprofile, Lichteinfall und möglichst auf UV-Durchlässigkeit geachtet werden. Herkömmliche Frühbeete lassen keine UV-Strahlen durch und sind daher bedingt geeignet. Alle Frühbeete aus dem Baumarkt sind völlig ungeeignet. Es ist darauf zu achten, dass die Polycarbonat-Stegplatten/Hohlkammerplatten mindestens 10, besser 16 mm betragen, um Wärme ausreichend zu speichern. Ihre Stromrechnung wird es Ihnen außerdem danken. Die Profile von Qualitäts-Frühbeeten bestehen außerdem aus Aluminium statt PVC-Profilen, die sehr stabil sind und nicht rosten. Die Firma Beckmann gibt auf ihre Produkte 10-20 Jahre Garantie!

Es gibt einige, aber dennoch wenige Hersteller, die geeignete Frühbeete herstellen:
Beckmann KG
Hoklartherm (Flora sowie mit Unterbau)
Juwel
Neogard (nur Schweiz)

Görmann



Jungtiergehege von Thh mit Beckmann-Frühbeet, Holzeinfriedung, Lavendel, Rosmarin und div. Gräsern.


Einige dieser Hersteller bieten Frühbeete an, die aus Alltop-Plexiglas bestehen und damit auch UV-durchlässig sind und die allerbeste Wahl für unsere Tiere sind. Allerdings haben diese Frühbeete auch ihren Preis. Die Firma Beckmann führt auch ein speziell für Schildkröten entwickeltes Frühbeet aus Alltop-Plexiglas mit Tür.

Ich verwende momentan nur Frühbeete von der Firma Beckmann. Für meine subadulten und adulten Tiere verwende ich den Typ Allgäu Modell 3 mit Verlängerung aus 16 mm Polycarbonat-Stegplatten und meine jüngeren Tiere und Schlüpflinge den Typ Allgäu Modell 3 aus 16 mm Alltop-Plexiglasplatten. Ein Satteldach, finde ich unpraktisch, da man täglich im Frühbeet hantieren muss und die Mittelstange sich als störend während der Reinigung erwiesen hat.

Wer handwerklich geschickt ist, kann auch eine Unterkunft selbst bauen. Hier eigen sie als Seiten- wände witterungsbeständige Materialien wie z. B. Siebdruck- oder Bauplatten, die allerdings isoliert werden müssen. Das Dach sollte dann jedoch aus Alltop-Plexiglas oder zumindest aus 16 mm Hohl- kammer- oder Stepdoppelplatten bestehen, um den Lichteinfall und die Aufwärmung zu gewährleisten. Diese Platten erhält man in guten Baumärkten oder in Online-Shops.


 

Alltop-Gewächshaus von Beckmann                       ...und Glas/Alltop-Wintergarten von Beckmann.


Gewächshäuser erweisen sich als sehr praktisch, wenn man viele Tiere bzw. große Arten von Schildkröten hält. Beispielsweise werden Geochelone radiata oft in Wintergärten gehalten, da diese sehr wärmebedürftig sind, mittelgroß werden und auch keine Winterstarre halten. Hingegen werden Centrochelys sulcata und Stigmochelys pardalis in Gewächshäusern gehalten, da diese Arten nur bedingt für Freilandhaltung geeignet sind, keine Winterstarre halten und sehr groß werden.


Letztes Update: 4. März 2008